Gedenkfeier in Józefów

Bei einer Gedenkfeier in Józefów gedachte die Hamburger Delegation heute der rund 1500 jüdischen Kinder, Frauen und Männer, die vor 80 Jahren, am 13. Juli 1942, von Angehörigen des Hamburger Reserve-Polizeibataillons 101 in einem Waldstück erschossen wurden.

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Gedenkfeier in Józefów

Innensenator Andy Grote und Hamburgs Bevollmächtigte Almut Möller haben am Mittwochmittag der 1500 jüdischen Opfer gedacht, die vor 80 Jahren in einem Waldstück nahe Józefów, rund 300 südöstlich von Warschau, durch Angehörigen des Hamburger Reserve-Polizeibataillons 101 ermordet wurden. Aus Hamburg ebenfalls angereist war eine zwölfköpfige Delegation der Polizei Hamburg, darunter der Leiter des Leitungsstabes, Markus Fiebiger, sowie einige junge Nachwuchskräfte der Hamburger Polizei. Seit 2001 bietet die Polizei Hamburg jährlich eine mehrtätige Gedenkstättenfahrt nach Polen an, um junge Polizistinnen und Polizisten über die Verbrechen der Hamburger Polizeibataillone im Zweiten Weltkrieg aufzuklären (s. unten). 
Nach einer Kranzniederlegung am Ort des Verbrechens in einem Waldstück nahe Józefów nahm die Hamburger Delegation ab 14 Uhr an der offiziellen Gedenkveranstaltung vor der ehemaligen Synagoge des Ortes teil. Im Anschluss an die Gedenkansprachen und die Enthüllung einer neuen Gedenktafel im Ortskern wurde mit Gebeten und dem Entzünden von Kerzen der Opfer gedacht. Auch Angehörige der Opfer und der Bürgermeister der Stadt Józefów nahmen an der Gedenkveranstaltung teil. 

Andy Grote, Senator für Inneres und Sport:
„Diese Reise ist eine harte und schmerzhafte Konfrontation mit dem Ausmaß an Unmenschlichkeit, zu dem Menschen fähig sind. Ich bin stolz auf das starke Engagement, das die Polizei Hamburg seit Jahrzehnten investiert, um an die unfassbaren Verbrechen insbesondere auch der Hamburger Polizeibataillone zu erinnern und junge Polizistinnen und Polizisten immun zu machen gegen jede Form von Diskriminierung und Menschenfeindlichkeit. Das Wertvollste an der Vergangenheit ist der Weg, den sie uns in die Zukunft weist.“

Almut Möller, Bevollmächtigte Hamburgs beim Bund, der Europäischen Union und für auswärtige Angelegenheiten:
„Im Wissen um die Gräueltaten der deutschen Besatzung im Zweiten Weltkrieg und in der Verantwortung, die Erinnerung an diese Verbrechen wach zu halten, bin ich dankbar, dass wir heute gemeinsam an einem starken Europa arbeiten. Angesichts des russischen Angriffskriegs auf die Ukraine ist es umso wichtiger, dass wir auch auf der Ebene der Städte und Regionen unseren Zusammenhalt stärken. Mit der Reise nach Lublin und Warschau setzen wir diesen Weg der Vertiefung unserer Beziehungen fort.“
Bereits am Dienstag hatte die Hamburger Delegation das ehemalige deutsche Konzentrationslager Majdanek am Rande der polnischen Stadt Lublin besucht, das als erstes KZ im Jahr 1944 von der Roten Armee befreit wurde. Insgesamt ermordeten die Nationalsozialisten Schätzungen zufolge hier rund 80.000 Menschen. Die Delegation nahm ebenfalls an einer Stadtführung zum jüdischen Leben in Lublin teil. Die Stadt war einst ein bedeutendes Zentrum des jüdischen Lebens in Polen. Um 1930 befand sich dort die größte Talmudschule der Welt. Der Anteil der jüdischen Stadtbewohner war zu dieser Zeit überdurchschnittlich hoch. Bis 1942 wurden im Zuge der NS-Herrschaft fast alle jüdischen Einwohner Lublins getötet.
Am Donnerstag reisen Innensenator Andy Grote und Hamburgs Bevollmächtigte Almut Möller weiter zu Gesprächen nach Warschau. Neben einem Besuch im Krisenzentrum stehen Gespräche mit Vertretern der Stadt zur Situation von Schutzsuchenden aus der Ukraine auf dem Programm.

Hamburger Polizeibataillone im besetzten Polen

Reserve-Polizeibataillone waren im Zweiten Weltkrieg geschlossene Kampfeinheiten der NS-Ordnungspolizei von je 500 Mann, die sich aus Polizisten, aber auch Freiwilligen und Reservisten älterer Jahrgänge zusammensetzten, die für den Kriegsdienst meist zu alt waren. 
Von Beginn an im Kriegseinsatz waren die Hamburger Polizeibataillone 101 bis 104, später auch das Hamburger Bataillon 305. Ihre Aufgabe: Die deutsche Herrschaft in den von der Wehrmacht eroberten und vom NS-Regime besetzten Gebieten sichern. Die Polizeibataillone waren jedoch kein Garant für Sicherheit und Ordnung, sondern Teil der systematischen Ermordung der jüdischen Bevölkerung. 
Besonders detailliert dokumentiert ist der Mordeinsatz des Hamburger Reserve-Polizei-Bataillons 101 am 13. Juli 1942 in Józefów im Distrikt Lublin (nahe der heutigen Grenze zur Ukraine):

Am frühen Morgen erhalten die Angehörigen des 101. Reserve-Polizeibataillons, das erst wenige Woche zuvor aus Hamburg in den südöstlichen Teil Polens verlegt worden war, den Befehl, alle jüdischen Einwohner in Józefów zu töten. Major Trapp, der das Polizeibataillon befehligt, bietet den Männern, die sich dem Auftrag nicht gewachsen fühlen jedoch an, sie ohne Konsequenzen von den Erschießungen freizustellen. Lediglich 10 bis 12 Männer nehmen das Angebot an. Einige weitere melden sich während des weiteren Einsatzes. Alle übrigen führen den Befehl aus. 

Nach dem Einmarsch in Józefów werden die jüdischen Kinder, Frauen und Männer zunächst auf dem örtlichen Marktplatz zusammengetrieben. Wer nicht laufen kann, wird noch an Ort und Stelle in seinem Bett erschossen. Bis auf rund 300 arbeitsfähige Männer, die als Zwangsarbeiter deportiert werden sollen, werden die übrigen 1500 Menschen in ein nahegelegenes Waldstück gebracht und von den Bataillonsangehörigen der Reihe nach erschossen. Das Massaker dauert bis in den Abend hinein. Die Leichen werden am Ort des Verbrechens liegengelassen. 

Das Massaker von Józefów ist das erste und bis heute am besten dokumentierte Verbrechen des Hamburger Reserve-Polizeibataillons 101. Es blieb nicht das letzte. Polizisten des Bataillons 101 ermordeten während des Zweitens Weltkriegs Schätzungen zufolge mindestens 8000 Menschen. Angehörige des Bataillons waren zudem an mindestens 30.000 weiteren Morden und der Deportation von rund 45.000 Menschen in die Vernichtungslager beteiligt. 
Seit dem Jahr 2001 bietet die Polizei Hamburg jährlich eine mehrtätige Gedenkstättenfahrt nach Polen an, um junge Polizistinnen und Polizisten über die Verbrechen der Hamburger Polizeibataillone im Zweiten Weltkrieg aufzuklären. Ziel der intensiven Erinnerungsarbeit ist es, junge Polizisten und Polizisten noch widerstandsfähiger gegen antidemokratische und autoritäre Ideologien zu machen. Die Fahrten gehen auf den damaligen pädagogischen Leiter an der Landespolizeischule und späteren Polizeipräsidenten Wolfgang Kopitzsch zurück. Zuletzt wurde am 8. September 2016 ein Gedenkstein im polnischen Józefów eingeweiht. Die Taten des 101. Hamburger Reserve-Polizeibataillons wurden umfangreich aufgearbeitet und sind zudem im Hamburger Polizeimuseum dokumentiert.