100 Jahre Fahrschule der Polizei Hamburg
Ein Jahrhundert Bewegung, Verantwortung und gelebter Polizeigeschichte
Fahrzeuge gehören seit jeher zum täglichen Bild der Polizei Hamburg. Egal ob Streifenwagen, Krad oder Transporter - sie sind Arbeitsmittel, Schutzraum und manchmal auch Rückzugsort. Wer sie sicher führen will, braucht weit mehr als nur einen Führerschein. Es braucht ein Gefühl für die Straße, Verständnis für die Technik und die Fähigkeit, in schwierigen Situationen auch auf zwei oder vier Rädern klar zu bleiben. Genau dafür gibt es seit nunmehr 100 Jahren die Fahrschule der Polizei Hamburg.
Dass diese Einrichtung einmal zu einem unverzichtbaren Bestandteil der Polizeiausbildung werden würde, ahnte niemand, als kurz nach dem Ersten Weltkrieg ein schlichter Raum in der Husarenkaserne in Wandsbek als provisorischer Unterrichtsort diente.
Hier, auf dem Gelände der Fahrbereitschaft, entstand in der ehemaligen Kraftfahrzeugwerkstatt ein Raum für den technischen Unterricht. Mit anfänglich zwei, später fünf Lehrkräften wurden Ende der 1920er Jahre die ersten Polizeibeamten an zwei Personenkraftwagen, zwei Lastkraftwagen und vier Krafträdern ausgebildet. Wer damals das Fahren im wachsenden Hamburger Straßenverkehr bestehen wollte, wusste schnell: Das Gesetz der Straße ist hart, aber gerecht - und gründliche Ausbildung ist der Schlüssel.
Aus diesen schlichten Anfängen entwickelte sich Schritt für Schritt eine Einrichtung, die über Jahrzehnte hinweg die Einsatzfähigkeit der Hamburger Polizei sicherstellte. Die frühen Jahre waren geprägt von Improvisation und Aufbauarbeit, von handwerklichem Geschick und der Überzeugung, dass gute Ausbildung immer den Unterschied macht.
Die 1930er Jahre brachten große Umbrüche. Die Gleichschaltung veränderte auch die Fahrschule. Lehrmaterial wurde abgezogen, Strukturen zerschlagen, Ausbilder versetzt
Doch die Bedeutung der Fahrausbildung war so groß, dass unmittelbar eine neue Dienststelle aufgebaut wurde - ein Kraftakt in einer politisch aufgewühlten Zeit.
Mit dem Beginn des Zweiten Weltkriegs verstummte der Motor der Fahrschule beinahe. Fahrlehrer wurden eingezogen, Fahrzeuge beschlagnahmt, und die Ausbildung kam fast vollständig zum Erliegen. Es ist ein stilles, ernüchterndes Kapitel, das zeigt, wie eng die Geschichte der Fahrschule mit den Krisen der Weltgeschichte verbunden ist.
Nach 1945 begann der Wiederaufbau unter Bedingungen, die kaum herausfordernder hätten sein können. Beschädigte Gebäude, knappe Ressourcen, wieder steigende Anwärterzahlen und ein enormer Ausbildungsbedarf prägten diese Zeit. Oft mussten Räume mehrfach umfunktioniert oder notdürftig hergerichtet werden. Manche Bilder aus dieser Ära wirken heute fast symbolisch: provisorische Baracken, notdürftig eingerichtete Lehrzimmer, Fahrzeuge, die erst repariert werden mussten, bevor die ersten Übungen beginnen konnten
Anfang der 1950er Jahre waren Lehrgangsstärken von bis zu 50 Fahrschülern keine Seltenheit. Ausgebildet wurde am Husaren-Denkmal, später in einer renovierten Villa. Erst 1955 wurden in Alsterdorf neue Räumlichkeiten frei, um den stetig wachsenden Durchlauf bewältigen zu können. Parallel dazu erweiterte sich der Fuhrpark, und immer neue Fahrzeugmodelle - vom kleinen Krad bis zum stattlichen LKW - fanden ihren Weg in die Ausbildung.
Aus den Unterlagen dieser Zeit spricht ein besonderer Geist: die Überzeugung, dass man im deutschen Verkehr nur bestehen kann, wenn man ihn versteht - und dass das richtige Handeln im entscheidenden Moment oft auf einer einzigen, gut vermittelten Lektion beruht.
Trotz aller Hindernisse gelang in den 1950er Jahren ein entscheidender Schritt. Mit großem Engagement wurde die Funk-Streifen-Abteilung aufgebaut und später auf 66 Fahrzeuge erweitert. Damit begann eine Phase, in der die Fahrschule erstmals eine feste, stabile Struktur entwickelte - mit eigenen Räumen, stetig wachsendem Personal und einem klaren Selbstverständnis innerhalb der Polizei.
Doch die Geschichte der Fahrschule besteht nicht nur aus großen Linien, sondern auch aus kleinen, beinahe skurrilen Kapiteln. In den folgenden Jahrzehnten fanden sich neben den klassischen Ausbildungswegen immer wieder besondere Aufträge. Eine dieser Begebenheiten stammt aus dem Jahr 1980: der Lehrgang für Gärtnerlehrlinge zum Erwerb der Fahrerlaubnis Klasse 5. In der Chronik ist der Vorgang fast liebevoll-dokumentarisch festgehalten - samt Teilnehmerliste, offiziellen Schreiben und der Feststellung, dass dieser eher ungewöhnliche Auftrag tatsächlich in den Zuständigkeitsbereich der Fahrschule fiel
Ebenso finden sich Aufnahmen von Gemeindeschwestern, die in den 1950er oder frühen 1960er Jahren mit einer BMW-Isetta unterwegs waren - ein Bild, das zeigt, wie bunt und vielseitig die Anforderungen über die Jahrzehnte waren. Auch Sondergruppen, medizinische Einrichtungen oder externe Bedarfe wurden immer wieder geschult. Diese Bilder lassen erahnen, wie breit das Spektrum war und dass die Fahrschule stets dort einsprang, wo es nötig war.
Fahrsicherheitstrainings gehörten ebenfalls von Anfang an dazu - und Unfälle blieben, trotz aller Vorsicht, nicht aus. Ein Volkswagenkäfer überschlug sich 1979 am Travering während eines Zivilfahnder - Lehrgangs. Der Unfall verlief glimpflich, zeigte jedoch, wie realitätsnah und anspruchsvoll die Ausbildung schon damals war. Die Fahrschule begleitete solche Ereignisse stets mit technischem Sachverstand, Konsequenz und dem Willen, aus jedem Zwischenfall neue Erkenntnisse zu gewinnen.
Die Entwicklungen der folgenden Jahrzehnte verliefen leiser, aber nicht weniger bedeutsam. Die Fahrzeuge änderten sich, die Technik wurde komplexer, und mit ihr die Ausbildung. Als in den 1990er Jahren wieder ausführlicher dokumentiert wurde, zeigte sich, wie sehr sich der Fuhrpark gewandelt hatte: Opel Rekord, Ford Sierra, Mercedes W123, BMW-Kräder - jede Epoche hatte ihre eigenen Bilder, ihre eigenen Anforderungen, ihre eigenen Geschichten
Parallel fand die Grundausbildung in der großen Halle C statt, während die Theorie bereits im Hörsaalgebäude 2 vermittelt wurde. Modelle, Schaubretter und Bremsaufbauten prägten die Räume - und damit eine neue Ära der Ausbildung.
Die jüngste Vergangenheit führt die Linie fort. Die Coronapandemie verlangte erneut große Flexibilität. Abstand, Hygienekonzepte, digitale Lernmodule - alles musste innerhalb kürzester Zeit neu gedacht werden. Und wieder zeigt sich: Die Fahrschule kann Krise. Sie kann Wandel. Und sie kann Haltung.
Aktuell sind 9 Fahrlehrer sowie zwei Fahrtrainer damit beschäftigt, Kolleginnen und Kollegen für die Fahrzeuge und den Verkehr in der Hansestadt fit zu machen. Bis zum November dieses Jahres wurden ganze 374 B-Scheine ausgegeben, 14 x wurde die Klasse A, 41 x BE, 2 x CE, 9 x C sowie 14 x D1 ausgebildet.
Heute geht’s in der kraftfahrttechnischen Grundausbildung nicht nur um Maschinen, sondern immer mehr rückt auch die Elektromobilität in den Fokus, die so ihre ganz eigenen Herausforderungen hat.
100 Jahre – ein Grund zum Feiern. Und so wurde es in der letzten Woche festlich, als Mitarbeitende, Ehemalige, Kooperationspartner sowie Kolleginnen und Kollegen zusammenkamen, um das Jubiläum im festlichen Rahmen zu begehen. In seiner Rede sprach PL Falk Schnabel seinen Dank und seine Anerkennung für all das Geleistete aus. Bei Speis und Trank gab es anschließend die Möglichkeit, sich bei dem ein oder anderen Fachgespräch in geselliger Runde auszutauschen.
Unsere Fahrschule - sie steht für ein Jahrhundert voller Arbeit, voller Verantwortung und voller Menschen, die diese Arbeit mit Herz betreiben. Sie ist eine Einrichtung, die sich immer wieder neu erfinden musste und es doch geschafft hat, ihrer Grundidee treu zu bleiben: Polizistinnen und Polizisten so auszubilden, dass sie sicher, verantwortungsvoll und vorausschauend unterwegs sind - in einer Stadt, die ihnen vertraut. Ziel ist es, mit der Ausbildung immer am Puls der Zeit zu bleiben, sich stets weiterzuentwickeln.